
Evolutionssprung bei der Fed unter Kevin Warsh
Das Treffen des Offenmarktausschusses der US-Notenbank am 17. Juni unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh war mit Spannung erwartet worden. Wer hätte gedacht, dass die Märkte auf die Aussagen von Warsh mit einer Zunahme der Erwartungen für Leitzinsanhebungen, einem Rückgang der Inflationserwartungen und fallenden Aktienkursen reagieren würden? Schließlich hatte der US-Präsident, der sich wiederholt für drastische Leitzinssenkungen ausgesprochen hat, Kevin Warsh als neuen Fed-Vorsitzenden nominiert.
Doch die absehbaren Veränderungen gehen weit über die unmittelbare Zinspolitik hinaus.
Fünf Arbeitsgruppen – ein Reformprogramm
Kevin Warsh hat auf der Pressekonferenz die Einrichtung von fünf Arbeitsgruppen angekündigt, die zentrale geldpolitische Themenbereiche untersuchen sollen. Ziel ist eine grundlegende Reform und Modernisierung der US-Notenbank.
- Kommunikation: Die Forward Guidance soll abgeschafft werden (siehe unten).
- Zentralbankbilanz: Die Bilanz soll – in Einklang mit früheren Aussagen – reduziert werden. Dies ist nicht ohne Risiken. So besteht die Sorge, dass sich die Zentralbank de facto dem Finanzministerium unterordnen könnte, was inflationäre Implikationen hätte. Zudem ist ein Bilanzabbau heikel, da er einen Liquiditätsengpass auslösen könnte, wenn er nicht sorgfältig gesteuert wird.
- Datenquellen: Neue Informationsquellen sollen evaluiert und methodische Verbesserungen in der Datenerhebung geprüft werden. Dazu zählt auch die stärkere Berücksichtigung von Finanzmarktindikatoren, die nicht durch Zentralbankaussagen beeinflusst sind.
- Produktivität: Der neue Fed-Vorsitzende erwartet durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz einen Anstieg der Produktivität und einen daraus resultierenden Rückgang des Inflationsdrucks. Dies könnte künftig als Argument für niedrigere Leitzinsen dienen.
- Inflationsrahmenwerk: In früheren Aussagen hat sich Warsh für den gestutzten Mittelwert („trimmed mean“) als Maß für die zugrunde liegende Inflation ausgesprochen. Dabei werden extreme Ausschläge nach oben und unten ausgeblendet. Im Mai entsprach dieser Indikator (Konsumentenpreisinflation ohne Energie und Nahrungsmittel) mit 2,9% im Jahresvergleich exakt der klassischen Kerninflationsrate.
Wichtiger ist jedoch die Frage, ob ein Übergang von einem Punktziel (derzeit 2%) zu einer Bandbreite erfolgen könnte, beispielsweise 2% bis 3%. Eine solche Änderung würde laut Warsh allerdings erst nach Erreichen des aktuellen Inflationsziels erfolgen.
Abschaffung der Forward Guidance
Eine Veränderung ist bereits klar erkennbar: Kevin Warsh stellt die Forward Guidance grundsätzlich infrage. Also keine Anleitung der Markterwartungen durch Aussagen der Zentralbank. Dieses Instrument hatte zum Ziel, die Geldpolitik berechenbarer zu machen und dadurch Risikoprämien zu senken.
Warsh argumentiert aus einer anderen Perspektive. Die Zentralbank möchte Marktpreise wieder stärker als Informationsquelle nutzen. Finanzmärkte sollen wirtschaftliche Entwicklungen – Wachstum, Inflation oder auch Energiepreisschocks – möglichst unbeeinflusst von Zentralbankaussagen verarbeiten. In diese Richtung weisen mehrere Signale:
- Warsh hat als einziges der 19 FOMC-Mitglieder keine eigene Zinsprognose abgegeben.
- Die Verlautbarung fiel ohne Forward Guidance deutlich kürzer aus.
- Explizite Hinweise zum zukünftigen Zinspfad fehlten.
Die bisher sichtbare Tendenz des Offenmarktausschusses zu Zinssenkungen wurde damit bewusst relativiert.
Verlautbarung und Marktlogik
In der offiziellen Verlautbarung wurden das Wirtschaftswachstum als solide, die Investitionstätigkeit als stark und die Inflation weiterhin als erhöht beschrieben – bei gleichzeitiger Betonung der Verpflichtung zur Preisstabilität. Zwei „Hintertüren“ für einen möglichen Inflationsrückgang wurden genannt:
- steigende Produktivität (dämpft Inflation)
- angebotsseitige Energiepreisschocks (temporär, daher ignorierbar)
Sollten diese beiden Faktoren nicht ausreichen, müsste die Zentralbank die Leitzinsen anheben. Entsprechend rational haben die Märkte mehr Zinserhöhungen eingepreist. Aktuell liegt die Erwartung bei rund +0,4 Prozentpunkten bis Jahresende – wobei ein Teil dieser Bewegung wohl auch eine gestiegene Risikoprämie reflektiert.
Zugegeben: Eine Form der Forward Guidance existiert noch. In den sogenannten Dot-Plots, also den individuellen Zinsprognosen der FOMC-Mitglieder, sprachen sich 9 der 18 stimmberechtigten Mitglieder für mindestens eine Zinserhöhung aus. Doch die Dot-Plots könnten ein Auslaufmodell sein.
Veränderung des Fed-Regimes
Was wird sich unter Kevin Warsh also ändern? De jure ist der Fed-Chair kein geldpolitischer Alleinentscheider. Formal verfügt der Fed-Vorsitzende im Offenmarktausschuss nur über eine Stimme. De facto ist sein Einfluss jedoch deutlich größer. Er setzt die Agenda, organisiert den FOMC-Konsens, prägt die Kommunikation und beeinflusst die wahrgenommene Reaktionsfunktion der Zentralbank. Im Fall Warsh liegt die eigentliche Relevanz daher weniger in der Frage, ob er allein Zinsanhebungen oder Zinssenkungen durchsetzen kann, sondern ob er das geldpolitische Regime über Kommunikation, Bilanzpolitik, regulatorische Prioritäten und die Beziehung zum Finanzministerium verschieben wird.
Die bisherige Politik war tendenziell dovish (inflationsfördernd): unterstützend für Wachstum und Aktien, belastend für Anleihen. Ob sich diese Grundhaltung strukturell verändern wird, ist offen. Warsh hat sich klar zur Preisstabilität bekannt, doch die Ergebnisse der Arbeitsgruppen könnten in eine dovische Richtung weisen. Eine Leitzinsanhebung bis Jahresende erscheint jedenfalls realistisch – im Einklang mit einem globalen Umfeld moderater, breit abgestützter Zinsschritte zur Stabilisierung der Inflationserwartungen.
Mehr Unsicherheit – höhere Risikoprämien
Mit dem wahrscheinlichen Ende der Forward Guidance wird die Geldpolitik weniger vorhersehbar. Das könnte höhere Marktschwankungen verursachen, wenn sich Wirtschaftsdaten unerwartet entwickeln. Die höhere Unsicherheit impliziert zumindest theoretisch eine höhere Risikoprämie, also einen höheren Unterschied zwischen langlaufenden und kurzlaufenden Anleiherenditen. Da die US-Fed traditionell eine Vorbildfunktion hat, könnten ähnliche Veränderungen mittelfristig auch bei anderen Zentralbanken zu beobachten sein.
Fazit
Die Ernennung von Kevin Warsh markiert potenziell keinen bloßen Führungswechsel, sondern einen Evolutionssprung in der Geldpolitik. Die Fed könnte sich von einer stark steuernden Institution hin zu einer Einrichtung entwickeln, die stärker auf marktbasierte Signale vertraut – mit weitreichenden Konsequenzen für Erwartungsbildung, Volatilität und die globale Geldpolitik.
(c) APA-Images / AFP / MANDEL NGAN
Wer ist Kevin Warsh?
Kevin Warsh (55) zählt zu den profilierten geldpolitischen Stimmen seiner Generation. Er war von 2006 bis 2011 Mitglied des Board of Governors der US-Notenbank und damit unmittelbar an den geldpolitischen Entscheidungen während der globalen Finanzkrise beteiligt. In dieser Phase spielte er eine wichtige Rolle im Zusammenspiel zwischen Zentralbank, Finanzsystem und Politik.
Vor seiner Zeit bei der Fed war Warsh sowohl im US-Finanzministerium als auch als Investmentbanker bei Morgan Stanley tätig. Diese Kombination aus politischer und marktnaher Erfahrung prägt bis heute seine Sichtweise auf die Geldpolitik.
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